Die Welt ist voller Abenteuer

Mit 19 und 20 sind Lukas Pfretzschner und Robin Sowa noch am Anfang einer hoffnungsvollen Karriere als Beachvolleyballer. Doch die jungen Athleten genießen schon jetzt ihr Dasein im Sand, das sie eines Tages in der Weltrangliste weit nach oben bringen soll.

cku 190510 015 KopieDas Leben als Beachvolleyballer ist kein Zuckerschlecken. Zumindest, wenn man so ambitioniert ist wie Lukas Pfretzschner und Robin Sowa: Donnerstag ging Pfretzschner in Berlin tagsüber zur Schule, absolvierte abends eine Trainingseinheit, setzte sich mit seinem Partner und Trainer Kay Matysik ins Auto, fuhr nach Münster, um gleich am nächsten Morgen auf dem Schlossplatz wieder in den Sand zu gehen.
Ganz schön aufwändig, aber nach absolvierter Frühschicht wirken die beiden jungen Athleten gut gelaunt und entspannt, als sie sich auf der Bank zum Gespräch niederlassen. Bis zum ersten Turniereinsatz sind es noch knapp drei Stunden, da bleibt ein bisschen Zeit zum plaudern. Es ist zwar kühl und bewölkt, aber trocken – und das ist ja schon mal allerhand für eine Stadt, über die es heißt, entweder es regne oder die Glocken läuten. Oder beides.
Ohnehin betont Pfretzschner immer wieder, wie privilegiert er sich fühle, diesen Weg als Volleyballer im Sand bestreiten zu dürfen. Der Abwehrspieler scheint verinnerlicht zu haben, dass Demut eine Tugend ist: „Natürlich ist das anstrengend, aber wir haben einfach Glück, mit Beachvolleyball in der Welt rumzukommen und Abenteuer zu erleben.” Sein Partner fasst die Dinge so zusammen: „Unser Leben ist geil”, sagt Sowa: „Für uns ist das ein Traumjob.”
Diese beiden Athleten haben aus unterschiedlichen Ecken der Republik zueinandergefunden: Pfretzschner stammt aus dem Süden, seine Jugend verbrachte er beim ASV Dachau, bevor es ihn erst zum Olympiastützpunkt nach Kempfenhausen und danach in die Hauptstadt Berlin zog. Sowas Heimat ist der Osten, er kommt aus der ehemaligen Braunkohle-Stadt Bitterfeld in Sachsen-Anhalt und landete später beim VC Olympia Berlin. Pfretzschner bezeichnet seinen Partner und sich als „Kinder der dualen Ausbildung”, wobei der Schwerpunkt bei beiden schon früh im Sand lag. „Ein sehr gutes System”, sagt Sowa, und sein Partner ergänzt: „Es ist super, die Spielfähigkeit aus dem Sand mitzunehmen und da dann noch die Schnelligkeit und die Härte aus der Halle draufzupacken.”
Allerdings schränkt Blockspieler Sowa ein: „Das Problem ist und bleibt die Belastungssteuerung”. Wenn Verein, Landesauswahl und Nationalteam rufen und der Übergang von der Halle in den Sand ohne Pause erfolgt, geht das auf Dauer an die Substanz und an die Nerven. „Das kann schon hart sein, wenn alle an dir zerren”, sagt Pfretzschner.
Doch das sind keine großen Widrigkeiten, die noch dazu in der Vergangenheit liegen. Grundsätzlich sei es für junge Menschen eine tolle Erfahrung, das Hobby zum Beruf zu machen und dabei die Welt zu bereisen. Vor allem, wenn man beim ersten Turnier auf der World Tour in Kambodscha auch noch touristische Tipps vom ehemaligen Trainer bekommt: „Siam Reap. Prima”, postete Sepp Wolf, der Pfretzschner während seiner Jugendzeit beim ASV Dachau betreute, auf Facebook: „Da muss natürlich so viel Zeit sein Angkor Wat bei Sonnenaufgang anzuschauen. Wenn Ihr einen Tag frei habt mit dem Boot unbedingt nach Battambang fahren. Natürlich erst aber alles nach dem hauchdünnen Finalsieg.”
Das hat nur zum Teil funktioniert, weil das junge deutsche Duo länger als allgemein erwartet im Wettbewerb blieb. Zum von Wolf vorausgesagten „hauchdünnen Finalsieg” reichte es in Asien zwar nicht, doch immerhin überstanden Pfretzschner/Sowa bei ihrer Premiere die Qualifikation und durften im Hauptfeld ran.
Lukas Pfretschner und Robin Sowa kennen sich schon eine Weile, und doch ging die Zusammenführung dieses Teams nicht ohne Getöse vonstatten. Doch der Reihe nach: 2016 startete das Duo bei der U18-EM im tschechischen Brünn gleich im ersten gemeinsamen Turnier zum Gewinn der Goldmedaille durch. „Ein echter Blitzstart”, sagt Sowa. Danach trennten sich die Wege wieder, bevor es zu Beginn des Jahres zur erneuten Zusammenführung kam, die für Misstöne sorgte.
Was war geschehen? Pfretzschners Partner Milan Sievers hatte sich entschieden, seine Leistungssport-Karriere zu beenden, als der DVV in Person seines Sportdirektors Niclas Hildebrand eindringlich dazu riet, der Abwehrspieler solle ab sofort gemeinsame Sache mit Robin Sowa machen. Dessen Partner Eric Stadie stand nun ohne Mitspieler dar und machte seiner Empörung auf Facebook Luft. Stadie fragte, „ob man hier von Erpressung sprechen kann” und betonte, fassungslos zu sein: „Ich distanziere mich von dem neuen System und dem daraus resultierenden Umgang zwischen den Entscheidungsträgern und den Athleten.” Die Planung seines Kumpels Robin Sowa könne er nachvollziehen. „Welcher Spieler entscheidet sich schon mit 19 Jahren für seinen eigenen Weg, wenn ihm gleichzeitig mit Förderungsentzug und weiteren Konsequenzen gedroht wird? Keiner!” Er hoffe, sein Ex-Partner werde nicht „irgendwann knallhart abgesäbelt. Denn es wird nicht leichter werden, mit einem Verband im Rücken, der seine Sportler quasi entmündigt und nur an seine eigenen Interessen denkt.”
Das waren harte und unmissverständliche Worte, die in der Szene nachhallten. Inzwischen indes, so scheint es, hat sich der Rauch verzogen. Stadie teilte auf Anfrage des VM schriftlich mit, sich inzwischen mit Sportdirektor Hildebrand ausgetauscht und die für ihn so leidige Angelegenheit ad acta gelegt zu haben: „Für mich ist das Thema gegessen, und ich möchte mich damit auch nicht mehr beschäftigen, da ich nun einen anderen Partner habe und in die Zukunft schauen muss.”
Rückblickend kann Sowa die Wut seines Ex-Partners verstehen, „weil er selbst Bock hatte, im Profibereich anzugreifen”. Wichtig bleibt, „dass wir im Guten auseinandergegangen sind”. Für Trainer Kay Matysik gehört es zur Natur der Sache, „dass Wechsel im Team immer Staub aufwirbeln und für Nebengeräusche sorgt. Das haben wir ja in den letzten Monaten auch bei den Frauen erlebt.”
Nun sind Lukas Pfretzschner und Robin Sowa also gemeinsam „auf dem Weg zum Profi”, wie es Matysik formuliert. Bevor Beachvolleyball zum Hauptberuf wird, muss Pfretzschner im kommenden Sommer in Berlin noch sein Abi bauen, während sich Sowa seinem Studium im Fach Wirtschaftsinformatik widmet. Danach – so der Plan – soll der Übergang zum Bundesstützpunkt in Hamburg erfolgen.
„Das ist der Fahrplan des DVV”, betont Matysik: „Ob es dann tatsächlich so kommt, oder ob sie für sich ein besseres Umfeld finden, werden wir dann sehen.” Dem Zuhörer entlockt es unwillkürlich ein Schmunzeln, wenn der Bundestrainer Matysik als Angestellter des Verbandes über die Umsetzung von Förderstrukturen referiert. Schließlich trat er als Athlet als Hauptkritiker des DVV auf den Plan. Der 38-Jährige bewältigt den argumentativen Drahtseilakt souverän. Auch, weil sein Arbeitgeber aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt habe und nun eine „weichere Linie” fahre: „Der DVV weiß inzwischen, dass er seine Vorstellungen nicht auf Teufel komm raus durchsetzen kann. Er sieht sich als Unterstützer der Athleten und nicht als Alleinbestimmer.” Und weiter: „Wir dürfen ja nicht vergessen, dass bei uns in Deutschland die Teams am weitesten gekommen sind, die für sich selbst was auf die Beine gestellt haben.”
Lukas Pfretzschner und Robin Sowa befinden sich also in einer komfortablen Ausgangsposition, aus der heraus sie ihre Laufbahn Schritt für Schritt entwickeln können. Wo der Weg hinführen wird? Wer kann das schon so genau sagen an einem kühlen Frühlingsmorgen in Münster? „Olympia 2024, das ist auf jeden Fall unsere Vision”, sagt Robin Sowa. Sein Partner Lukas Pfretzschner ergänzt: „Als Ziel würde ich es noch nicht definieren. Dafür stehen wir noch zu sehr am Anfang. Das ist doch alles noch so weit weg.”